NANCHANG, 27. Juli (Xinhua) -- Jingdezhen, Chinas „Porzellanhauptstadt“, in der seit mehr als 2.000 Jahren die Brennofenfeuer lodern, hat mit seiner Geschichte, die in Feuer, Ton und der unendlichen Kreativität menschlicher Hände verewigt ist, erneut die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen.
Die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) hat am Samstag während der 48. Sitzung des Welterbekomitees in Busan in der Republik Korea die Stätten der handwerklichen Porzellanindustrie im chinesischen Jingdezhen in die Welterbeliste aufgenommen.
Mit dieser Aufnahme steigt die Gesamtzahl der Welterbestätten in China auf 61.
Es ist das erste Mal, dass China eine historische Industriestätte für den Welterbestatus nominiert hat, und es ist zugleich die erste Welterbestätte, deren Thema Porzellan ist.
Die Stätten der handwerklichen Porzellanindustrie von Jingdezhen liegen in der ostchinesischen Provinz Jiangxi und bilden eine Gruppe von historischen Stätten, die das System der handwerklichen Porzellanindustrie repräsentieren, das sich in Jingdezhen vom 10. bis zum 19. Jahrhundert entwickelte.
Nach Angaben des Welterbekomitees veranschaulicht die Stätte die innovative Entwicklung der chinesischen handwerklichen Porzellanherstellungstechnik, der Porzellankunst und der Porzellanindustrie und belegt den tiefgreifenden Einfluss der chinesischen handwerklichen Porzellanindustrie auf die Entwicklung der weltweiten Keramikindustrie sowie auf den Austausch und das gegenseitige Lernen zwischen den Zivilisationen.
GESCHICHTE DER PORZELLANHERSTELLUNG VERBINDET DIE WELT
An einer Brennstätte innerhalb des Historischen und Kulturellen Viertels Taoyangli in Jingdezhen bieten Dutzende historischer Brennöfen in unterschiedlichen Formen sowie Porzellan aus der Zeit von der Song-Dynastie (960-1279) bis zur Qing-Dynastie (1644-1911) Besuchern aus aller Welt einen Einblick in die ununterbrochene, tausendjährige Geschichte der Porzellanherstellung in der Stadt.
Diese ununterbrochene Keramikkultur sei ein Beispiel für die Kontinuität der chinesischen Zivilisation, sagte Weng Yanjun, Leiter des Jingdezhen Imperial Kiln Institute.
Jingdezhen liegt in einer hügeligen Gegend im Nordosten von Jiangxi und verfügt über reichhaltige Vorkommen an Kaolin, auch bekannt als Porzellanerde, sowie anderen für die Porzellanherstellung unverzichtbaren Rohstoffen. Die Stadt profitiert zudem von einer günstigen Lage an Wasserwegen, da der Changjiang-Fluss durch sie hindurchfließt und Jingdezhen mit dem Poyang-See, dem größten Süßwassersee des Landes, sowie weiter mit dem Jangtse-Fluss, Chinas längstem Wasserweg, verbindet.
Vor mehr als 700 Jahren entwickelten Handwerker in Jingdezhen eine Rezeptur, bei der Kaolin in bestimmten Verhältnissen mit anderen Rohstoffen gemischt wurde, wodurch der Porzellan-Ton Temperaturen von über 1.300 Grad Celsius standhalten konnte, ohne sich zu verformen. Anstatt ihre Techniken als Geheimnisse zu hüten, entschieden sie sich dafür, die Fertigkeiten der Porzellanherstellung aktiv weiterzugeben.
Von Porzellanfunden aus dem Schiffswrack „Black Stone“ aus der Tang-Dynastie (618-907) über das weit verbreitete Kraak-Porzellan - ein chinesisches Keramikprodukt, das während der Ming-Dynastie (1368-1644) von einem portugiesischen Handelsschiff geschmuggelt wurde - bis hin zu späteren Stücken aus der Qing-Dynastie, die speziell für den europäischen Markt angefertigt wurden, darunter Wappenporzellan, Rasierschalen und entenförmige Gefäße, hat das Porzellan aus Jingdezhen seit mehr als 1.000 Jahren seinen Weg ins Ausland gefunden und Asien, Afrika, Europa und Amerika erreicht.
„Wir sollten Keramikstätten, an denen seit Jahrhunderten traditionelle Keramik hergestellt wird, wertschätzen und schützen. So können wir sicherstellen, dass Keramik auch weiterhin Menschen verbindet, Traditionen bewahrt und künftige Generationen inspiriert“, sagte Patty Wouters, Vertreterin der International Academy of Ceramics bei der UNESCO.
Die lange Geschichte der Porzellanherstellung in Jingdezhen umfasst laut dem Internationalen Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) bedeutende Etappen der Menschheitsgeschichte, insbesondere die vorindustrielle Globalisierung des Porzellanhandels.
FRÜHESTE INDUSTRIESTADT
Der verstorbene britische Wissenschaftler Joseph Needham bezeichnete Jingdezhen als die früheste Industriestadt der Welt. Archäologische Funde haben zudem gezeigt, dass das Straßenbild der Stadt grundlegend von ihrer industriellen Spezialisierung geprägt war, wobei Produktionsstätten, Handelsbetriebe und Wohnviertel eng miteinander verflochten waren.
Bis zur Mitte der Ming-Dynastie, zwischen 1436 und 1572, hatte die Einwohnerzahl der Stadt die 100.000er-Marke überschritten und lag damit weit über der vieler zeitgenössischer europäischer Städte.
Die spezialisierte industrielle Struktur in Verbindung mit weiteren günstigen Bedingungen ermöglichte es dem Jingdezhen-Porzellan, weltweit einen nachhaltigen Einfluss auszuüben.
In seinem Werk „The Pilgrim Art: Cultures of Porcelain in World History“ schrieb der amerikanische Wissenschaftler Robert Finlay, dass in den drei Jahrhunderten nach dem 16. Jahrhundert 300 Millionen Stücke chinesischen Porzellans, die größtenteils in Jingdezhen hergestellt wurden, nach Europa gelangten.
Jingdezhen-Porzellan habe als weltweit gehandeltes Luxusgut die Bereiche Malerei, Möbel, Architektur und dekorative Kunst in Europa beeinflusst und sei zudem ein Mittel zum Ausdruck der chinesischen Zivilisation und zur kulturellen Globalisierung gewesen, so Huang Chunmao, Professor an der Central Academy of Fine Arts.
Heute beschäftigt die Keramikindustrie in Jingdezhen mehr als 100.000 Menschen, und das umfassende Arbeitsteilungssystem, das einst den historischen Erfolg der Stadt begründete, floriert weiterhin.
ICOMOS würdigt, dass Jingdezhen neue Ofenkonstruktionen und Dekorationstechniken wie das blau-weiße Porzellan und das „Famille-Rose“-Porzellan hervorgebracht hat, wodurch die Formen und Stile des Porzellans weltweit bereichert wurden. Die groß angelegte Anordnung, die spezialisierte Arbeitsteilung und die standardisierte Produktion schufen ein effizientes System, das Jingdezhen zu einem führenden Beispiel für industrielle Organisation im Zeitalter des Handwerks machte.
PULSIERENDE PORZELLAN-HAUPTSTADT
Karima Duchamp, eine französische bildende Künstlerin, hat Jingdezhen bereits dreimal besucht. Im vergangenen Jahr stand sie vor der technischen Herausforderung, ihre Gemälde auf Ton zu brennen. Doch nachdem sie beobachtet hatte, wie ein lokaler Handwerker ein mehrere Meter langes Tonstück mit nahtloser Präzision und ohne Bruch in einen Brennofen schob, war sie überzeugt, dass sie ihre kreative Hürde überwunden hatte.
Das Können der Handwerker von Jingdezhen, sagte Duchamp, habe ihre künstlerische Vision Wirklichkeit werden lassen.
Heute ist Jingdezhen als nach wie vor florierende „Porzellanhauptstadt“ Heimat von mehr als 3.200 Trägern des immateriellen Kulturerbes im Bereich der Keramikkunst. Außerdem wurde die Stadt als Stadt des Kunsthandwerks und der Volkskunst in das Netzwerk der Creative Cities der UNESCO aufgenommen.
Tradition sei in Jingdezhen allgegenwärtig und Innovation allumfassend, sagte Oriol Calvo Vergés, Präsident der in Genf ansässigen International Academy of Ceramics.
In den letzten Jahrzehnten habe China der Welt gezeigt, dass Keramik weit mehr sei als ein zu bewahrendes Kulturerbe. Vor allem könne sie auch als starker Motor für Stadterneuerung, Bildung, Tourismus, Innovation, künstlerisches Schaffen und internationalen Dialog dienen, fügte Vergés hinzu.
Tradition und Innovation in Jingdezhen seien kein Widerspruch, sondern würden sich ergänzen, und die jahrtausendealte Widerstandsfähigkeit der Stadt liege genau in ihrer Fähigkeit zur ständigen Selbsterneuerung, bemerkte der 83-jährige japanische Keramikkünstler Takeshi Yasuda.
„Die Aufnahme in die Welterbeliste markiert einen neuen Ausgangspunkt“, sagte Chen Kelong, Parteichef von Jingdezhen.
„Wir werden an unserem kulturellen Selbstbewusstsein festhalten, die Schätze der Keramikkultur bewahren, die Keramikindustrie mit Innovation und Kreativität vorantreiben und eine neue Plattform für den kulturellen Austausch schaffen, um ein neues Kapitel für die Keramikkultur in der neuen Ära einzuläuten“, sagte Chen.
